Zuschreibungen menschlicher Eigenschaften wie Intelligenz an digitale Artefakte sind ein Fake
Dass Maschinen kein Bewusstsein besitzen können, ist m.E. als unstrittig zu betrachten. Dass KI-Artefakte Intelligenz, gar Bewusstsein zugesprochen wird, fußt auf der Hypothese, dass ab einem bestimmten Komplexitätsgrad der Informationsverarbeitung zwangsläufig Intelligenz und Bewusstsein entsteht. Aber der Komplexitätsgrad kann kein Maßstab sein. Letztlich benutzen KI-Artefakte wie ChatGPT lediglich riesige Datenmengen, mit denen sie ohne Rücksicht etwa auf Urheberrechte und das Wohlergehen von Millionen KI-Coder:innen aus dem globalen Süden zu Dumpinglöhnen trainiert wurden, um in der Interaktion mit Menschen zu berechnen, welches Wort das wahrscheinlichere zu dem vorherigen ist. So erstaunlich solche Simulierungen menschlicher Fertigkeiten durch eine Maschine auch sein mögen, sind solche Artefakte als „stochastischer Papagei“ zu beschreiben: Es werden lediglich trainierte und von Nutzer:innen verwendete Wörter nachgeplappert, ohne die damit verbundene Bedeutung zu begreifen. Die Diskussion hierzu ist so alt wie die Kybernetik als Wissenschaft der KI selbst,[i] wie etwa John R. Searles Gedankenexperiment vom „Chinesischen Zimmer“ aus den 80er-Jahren zeigt.[ii] Insofern ist die Zuschreibung von menschlichen Eigenschaften wie Intelligenz an digitale Artefakte schon von der Wortwahl her ein Fake.
Giorgio Agamben liefert mit seiner Glosse vom 12.10.2025 erneut einen erhellenden Beitrag zu den mit diesem Aspekt verbundenen Folgen in der Debatte über „Künstliche Intelligenz“ und die angebliche Möglichkeit einer Maschine, die denkt, nämlich der Selbstentmündigung des Menschen aufgrund der Selbsttäuschung, dass die KI denkt, obgleich sie nur eine reine externe Sprachmaschine ist, die Wörter nach Wahrscheinlichkeit liefert, ohne deren Se-mantik, Wahrheitswert oder ethische Tragweite jemals verstehen zu können.[iii]
Über künstliche Intelligenz und natürliche Dummheit „Ein Zeitalter der Barbarei beginnt, die Wissenschaften werden ihm dienen.“ Das Zeitalter der Barbarei ist noch nicht vorbei, und Nietzsches Diagnose bestätigt sich heute voll und ganz. Die Wissenschaften sind so sehr darauf bedacht, jedem Bedürfnis der Zeit nachzukommen und ihm sogar vorzugreifen, dass sie, als diese beschlossen hatte, weder Lust noch Fähigkeit zum Denken zu haben, ihr sogleich ein Gerät zur Verfügung stellten, das als „Künstliche Intelligenz“ (kurz: KI) getauft wurde. Der Name ist nicht einleuchtend, denn das Problem der KI besteht nicht darin, künstlich zu sein (das Denken, da es untrennbar mit der Sprache verbunden ist, beinhaltet immer eine Kunst oder einen Anteil an Künstlichkeit), sondern darin, dass sie sich außerhalb des Geistes des Subjekts befindet, das denkt oder denken sollte. Darin ähnelt sie dem getrennten Intellekt von Averroes, der nach Ansicht des genialen andalusischen Philosophen für alle Menschen ein und derselbe war. Für Averroes war das Problem folglich das der Beziehung zwischen dem getrennten Intellekt und dem einzelnen Menschen. Wenn die Intelligenz von den einzelnen Individuen getrennt ist, wie können diese sich dann mit ihr verbinden, um zu denken? Averroes Antwort lautet, dass die Einzelnen über die Vorstellungskraft, die individuell bleibt, mit dem getrennten Intellekt kommunizieren. Es ist sicherlich ein Zeichen für die Barbarei unserer Zeit sowie für ihren absoluten Mangel an Vorstellungskraft, dass dieses Problem im Zusammenhang mit der künstlichen Intelligenz nicht gestellt wird. Wäre diese lediglich ein Werkzeug, wie etwa mechanische Rechenmaschinen, bestünde das Problem tatsächlich nicht. Geht man hingegen davon aus – wie es tatsächlich der Fall ist –, dass die KI, ähnlich wie der getrennte Intellekt bei Averroes, denkt, dann lässt sich das Problem der Beziehung zum denkenden Subjekt nicht vermeiden. Bazlen hat einmal gesagt, dass die Intelligenz in unserer Zeit in die Hände der Dummen geraten sei. Es ist möglich, dass das entscheidende Problem unserer Zeit dann wie folgt lautet: Wie kann ein Dummer – also ein Nichtdenkender – in Beziehung zu einer Intelligenz treten, die behauptet, außerhalb von ihm zu denken?
Giorgio Agamben, 2026, Sull’intelligenza artificiale e sulla stupidità naturale, in: Quodlibet 12.10.2025; übersetzt mit DeepL.com aus dem Italienischen am 27.06.2026
[i] Vgl. etwa noch aus meiner Schulzeit Hans Sachsse, 1974, Einführung in die Kybernetik, Kapitel 7/8.
[ii] John R. Searle, 1980, Minds, Brains, and Programs, in: Behavorial and Brain Sciences. Vol. 3, Ss. 417-424
[iii]Originaltext: www.quodlibet.it/giorgio-agamben-sull-u2019intelligenza-artificiale-e-sulla-stupi. Das Nietzsche-Zitat wurde nicht übersetzt aus dem Italienischen, sondern übernommen aus: NF-1880,8[61] — Nachgelassene Fragmente Winter 1880–81 aus: Digitale Kritische Gesamtausgabe – Digital version of the German critical edition of the complete works of Nietzsche edited by Giorgio Colli and Mazzino Montinari, www.nietzschesource.org.
