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Exkurs: Selbstbetrug technologischer Optimismus

Thomas Ristow

Als Symptome der von technologischem Optimismus [i] geprägten KI-Euphorie sind bei den Entwicklern wie den Nutzer:innen infolge der Bewunderung der „Perfektion“ der KI-Artefakte allgemeine Passivität bzw. Depravierung im Denken, Fühlen und Handeln sowie Unterwürfigkeit gegenüber technologischen Fortschritten auszumachen, weil  die KI-Artefakte scheinbar effektiver und fehlerfreier als wir selbst funktionieren. Was bis zur Scham über die „Antiquiertheit“ des Menschen und über seinen als unvollkommen empfundenen Körper und seiner „nur“ menschlichen Intelligenz im Besonderen führt. [ii] Das Symptom nennt Günther Anders „prometheische Scham“. [iii]

Der Stock und die Hand „Wird sich etwa die Axt gegen den rühmen, der mit ihr zerschlägt, oder wird sich die Säge gegen den überheben, der sie führt? Als ob der Stock den lenken wollte, der ihn schwingt, als ob die Rute den emporheben wollte, der nicht aus Holz ist“ (Jesaja 10). Die Worte des Propheten beschreiben genau das, was heute geschieht. Die technischen Geräte sind der Stock, der vorgibt, denjenigen zu lenken, der ihn bedient – oder vielmehr glaubt, ihn zu bedienen –, und dies tatsächlich auch tut. Und die künstliche Intelligenz tritt in dem Moment in Erscheinung, in dem der Mensch, der nun unfähig ist, die von ihm selbst geschaffenen Werkzeuge zu beherrschen, der sogenannten prometheischen Scham verfällt, wie Gunther Anders es nannte, und, indem er das Denken aufgibt, sich dem Stock unterwirft, der ihm aus der Hand geglitten ist. 

Giorgio Agamben, 2026, Il bastone e la mano, in: Quodlibet 16.03.2026; übersetzt mit DeepL.com aus dem Italienischen am 09.06.2026

Diese Tendenz wird von den Apologeten der KI-Technologie noch forciert, wenn die algorithmische Steuerung bewusst zur Entmündigung des Menschen benutzt wird, wie die Diskussion um den von Microsoft entwickelten KI-Agenten Scout aufzeigt.

Eine Welt ohne Arbeit mithilfe künstlicher Intelligenz in Aussicht zu stellen,[iv] wenn zugleich die Macht und Kontrolle bei einer kleinen Elite von privaten Eigentümern und Tech-Milliardären oder in staatskapitalistischen Modellen einer Nomenklatura verbleibt, die die Daten und ihre Verwertung kontrolliert, fungiert wie ein modernes Opium fürs Volk. Diese Arbeitsplatz-Utopie muss als Täuschungsmanöver und Bequemlichkeitsfalle für die Menschen einer sich entwickelnden Technik-Diktatur enttarnt werden, die die Risiken von Massenarbeitslosigkeit und wachsender politischer bzw. sozialer und ökonomischer Ungleichheit bewusst kleinredet, die die angebliche Neutralität von KI-Werkzeugen zur Verschleierung der Tatsache, dass die KI-Systeme immer die Vorurteile, Machtbedürfnisse und Werte bei der Datenauswahl und dem Training ihrer Entwicklerinnen bzw. Trainerinnen reproduzieren und damit bestehende Ungerechtigkeiten perpetuieren, bewusst missbraucht und die den immensen Ressourcenverbrauch der KI-Anlagen wie den der Hyperscalern bewusst ausblendet.

Andererseits hat schon Walter Benjamin den technologischen Optimismus als den für die derzeitige Epoche typischen Glauben daran beschrieben, dass sich die Menschheit aufgrund wachsender naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer Umsetzung in Technologien im Rahmen der bürgerlichen Ökonomie zwangsläufig und unabänderlich zum Besseren entwickeln würde, und als Realitätsverlust bzw. blinde Fortschrittsgläubigkeit – „für alles gibt es eine Lösung“; „alles geht gut aus, „wir können unseren bisherigen Lebens- und Konsumstil weiterführen“, „die Wissenschaft wird uns schon retten“[v] – und destruktiven Machbarkeitswahn entlarvt,[vi] der ausblendet, dass diese Fortschritte immer nur einhergehen mit einem Mehr an ins Gigantische wachsenden Zertrümmerung unserer sozialen und ökologischen Grundlagen.

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Walter Benjamin, 1940, Über den Begriff der Geschichte, aus: Walter Benjamin, 1991, Gesammelte Schriften, Band 1.2, Frankfurt, These IX, Ss. 697/8

Demnach ergibt sich als Vorhersage, dass auch die unter den derzeitigen Umständen betriebene technologische Entwicklung der Digitalisierung unserer Lebensverhältnisse auf dem Wege ihrer weiteren Realisierung nur Opfer und Trümmer anhäufen wird, und deswegen eigentlich die Notwendigkeit besteht, Chancen zu ihrer Unterbrechung zu erkennen und zu nutzen, um die Notbremse zu ziehen, die Entwicklung zum Stillstand zu bringen.


[i] Er ist so alt wie die menschliche Zivilisation selbst. Dies zeigt die Verwendung von sogenannten Uschbetis im altägyptischen Totenkult, die den Verstorbenen als Grabbeigaben mitgegeben wurden, mit dem Zweck Arbeit im Jenseits nicht als Verstorbene selbst ausführen zu müssen, sondern dies an diese Figuren delegieren zu können, die dann als magisch belebte Automaten agieren sollten. In der Thematik finden sich in der Antike weitere Beispiele, die hier von Interesse sind, so in Ovids Metamorphosen, Band 10, Verse 243-297 die Geschichte von Pygmalion, der wie ein antiker Nick Land die Natur des Menschen als unvollkommen empfindet und sich in eine von ihm selbst geschaffene weibliche Elfenbein-Statue verliebt und sie durch Aphrodite zum Leben erwecken lässt. Oder der von Günther Anders in seiner Monographie „Die Antiquiertheit des Menschen 1 und 2“ angeführte Prometheus-Mythos, siehe das Zitat von Giorgio Agamben zum Ende des Epilogs.

[ii] Die wächst sich aus zu Vorstellungen des Transhumanismus, mithilfe von Nano- und Biotechnologie sowie KI Alterung zu beseitigen, Unsterblichkeit zu erlangen und Mensch und Maschine zu verschmelzen bis hin zu Vorstellungen menschliche Existenz durch künstlich geschaffene Wesen zu ersetzen. Passende Parteien gibt es in unserer Parteienlandschaft schon mit der Partei der Humanisten und der Partei der Verjüngungsforschung.

[iii] Günther Anders, 2024, Die Antiquiertheit des Menschen, 2 Bde. München, 5. Auflage.

[iv] Vgl. etwa Kai-Fu Lee: „Ich glaube, es gibt das Potenzial, dass wir in einer Ära des Überflusses leben könnten. Wenn wir weiter vorausschauen, werden KI und Automatisierung unsere Routinejobs übernehmen: 50 Prozent werden also einfach erledigt, und zwar fast kostenlos. Die Energiekosten werden in 20 Jahren sinken - auch wenn das heute überhaupt nicht so aussehen mag. Material, Arbeit und Energie werden günstiger, das wird die Produktionskosten enorm minimieren. Es könnte genug für jeden da sein, und zwar nicht nur das Existenzminimum, sondern so, dass Menschen aus der Armut befreit werden und ein würdevolles Leben führen können.“, in: „Künstliche Intelligenz sollte dem Menschen dienen“. Interview von Helmut Martin-Jung, Nakissa Salavati, 2022, Süddeutsche Zeitung 28.03.2022, 15:26 Uhr.

[v] Der Wunsch nach einer perfekten, Welt und einem paradiesischen Zustand wird schon in der Genesis mit der Erzählung vom Turmbau zu Babel als menschliche Hybris karikiert. Der Glaube, dass die KI-Artefakte uns von allen uns belastenden Problemen erlösen kann, zeigt sich auch in der Frage der sich entwickelnden Klimakatastrophe. Mit dem Effekt, dass die entscheidenden Fragen zur Notwendigkeit der Änderung unseres Lebensstils gar nicht erst gestellt werden, indem die sich anbahnende Klimakatastrophe als technisches Problem an die KI ausgelagert wird und die Verantwortung für diese Entwicklung an die angeblich unfehlbaren KI-Instrumente delegiert wird.

[vi] Benjamin weist explizit darauf hin, dass die in seiner Zeit gerade auch bei den Linken verbreitete dogmatische Fortschrittsgläubigkeit als Folge eines falschen Geschichtsverständnisses eben nicht zum deswegen erhofften automatischen Sieg über den Faschismus führen würde, sondern diese gerade in die Katastrophe des faschistischen Projekts führt, vgl. These X – XIII: „Die sozialdemokratische Theorie, und noch mehr die Praxis, wurde von einem Fortschrittsbegriff bestimmt, der sich nicht an die Wirklichkeit hielt, sondern einen dogmatischen Anspruch hatte. Der Fortschritt, wie er sich in den Köpfen der Sozialdemokraten malte, war, einmal, ein Fortschritt der Menschheit selbst (nicht nur ihrer Fertigkeiten und Kenntnisse). Er war, zweitens, ein unabschließbarer (einer unendlichen Perfektibilität der Menschheit entsprechender). Er galt, drittens, als ein wesentlich unaufhaltsamer (als ein selbsttätig eine grade oder spiralförmige Bahn durchlaufender).“ Walter Benjamin, 1940, Über den Begriff der Geschichte, aus: Walter Benjamin, 1991, Gesammelte Schriften, Band 1.2, Frankfurt, These IX, S. 700.

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