Anfrage der Fraktion DIE LINKE zur Ratssitzung am 16.03.2021: Infektionszahlen nach Stadtbezirken – das Covid-19-Infektionsrisiko in den Sozialräumen der Stadt
Die Linksfraktion bittet um Beantwortung folgender Fragen:
- Wie viele Einwohner:innen Kerpens sind geordnet nach Altersgruppen und Geschlecht bezogen auf die Bezirke der Stadt1 und die Anzahl der dort lebenden Einwohner:innen, ebenfalls geordnet nach Altersgruppen und Geschlecht, aufgrund der Meldedaten des Gesundheitsamts in der Pandemie bis Ende Februar 2021 in Kerpen an einer Covid-19-Infektion erkrankt und wie viele davon verstorben. Die Auswertung bitten wir außerdem in geeigneter Form auf einer Karte darzustellen.2
- Welche Möglichkeiten bietet die Statistik zudem nach Stadtbezirken differenzierte Angaben zu den Lebenslagen hinsichtlich Einkommen/Vermögen, Beschäftigung und Bildung der an Covid-19 Erkrankten und Verstorbenen zu machen?
- Welche Arbeiten unternimmt die Verwaltung der Kolpingstadt Kerpen zurzeit oder welche sind in Planung, um repräsentative Statistiken über den Zusammenhang von Gesundheit und Einkommensungleichheit auf der Ebene von Bezirken und Stadtteilen in Kerpen zu erheben?
- Wie hoch ist die Inzidenzzahl von COVID-19-Infektionen und -Todesfällen in der Gruppe der
- (a) SGBII-Empfänger:innen in Beschäftigungsverhältnissen,
- (b) SGBII-Empfänger:innen ohne Beschäftigungsverhältnisse,
- (c) Personen ohne SGBII-Bezug.
Diese Daten müssten z.B. der Stadtverwaltung vorliegen und in anonymisierter Form auswertbar sein.
Begründung: Nur mit geeignetem Zahlenmaterial können die richtigen Lehren für eine künftige Politik der Beförderung der öffentlichen Gesundheit auch in Kerpen aus der Pandemie gezogen werden. Der Maßstab des üblichen Zahlenmaterials für Kerpen, etwa am 04.03.2021: 66.7092 Einwohner:innen, 1.869 Indexfälle, 1.749 Genesende und 53 Todesfälle, ist zu groß und lässt noch nicht einmal Pauschalaussagen zu. Innerhalb jeder Altersgruppe gibt es große Heterogenität. Bildungsunterschiede und Einkommen haben großen Einfluss auf den Zustand der funktionalen Gesundheit bzw. die Resilienz der Menschen in schwierigen Situationen. Dies gilt gerade auch für die Älteren.3 Erforderlich zum Erkennen der Bedarfe und zur Ausrichtung entsprechenden politischen Handelns sind demnach Angaben zum sozialökonomischen Status, also hinsichtlich Einkommen und Vermögen, Beschäftigung und Bildung der Einwohner:innen, die an einer Covid-19-Infektion erkrankt waren bzw. verstorben sind.
In Köln konnte in einem ersten Schritt aus der Analyse nach Postleitzahlen festgestellt werden, dass für Infektionen im Bezirk Höhenberg, Kalk, Mehrheim und Vingst doppelt so hohe Zahlen vorlagen als in wohlhabenderen Bezirken. Die Corona-Pandemie trifft Arme härter als die Reichen. Die Wohn-, Arbeits- und Mobilitätsbedingungen dieser Menschen müssten folglich verbessert werden, um ihr höheres Ansteckungsrisiko zu senken. Um solche Aussagen zu fundieren, arbeitet die Stadt Köln nun mit dem Fraunhofer Institut zusammen.
Um politisches Handeln auch hier in Kerpen zur besseren Bekämpfung von Pandemien zu ermöglichen und die Resilienz der Einwohner:innen stärken zu können, ist es notwendig das vorhandene Datenmaterial des Gesundheitsamts für Kerpen via Analyse und Auswertungstechniken besser aufzuarbeiten, um weiterführende Fragen erhalten zu können oder bislang unbekannte Merkmale des Infektionsgeschehens erkennen zu können.4
In anderen Nationalstaaten wie der USA oder dem Vereinigten Königreich sind die disproportionalen Auswirkungen der Pandemie auf sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen wesentlich besser erfasst.5 Aber auch das Fazit einer RKI-Analyse für Deutschland ist eindeutig: Das verbreitete Narrativ von der Existenz einer harmonischen und stabilen, weil breit aufgestellten Mittelstandsgesellschaft hierzulande erweist sich einmal mehr als Illusion gerade in der aktuellen Pandemie, denn vor Corona sind nicht alle gleich!
Die Ergebnisse unserer Analysen der COVID-19-Meldedaten für Deutschland deuten darauf hin, dass das Infektionsrisiko in Deutschland regionalen Mustern sozioökonomischer Ungleichheit folgt. In der frühen Phase der Epidemie in Deutschland zeigt sich zunächst ein sozioökonomischer Gradient mit höheren Inzidenzraten in sozioökonomisch bessergestellten Kreisen, der sich allerdings im weiteren Verlauf des Ausbruchsgeschehens beginnt zu wandeln und sich in den am stärksten betroffen Landesteilen im Süden Deutschlands ab Mitte April umdreht. Diese Befunde lassen befürchten, dass im weiteren Verlauf der Pandemie sozial benachteiligte Menschen stärker von COVID-19 betroffen sein könnten und sich vorbestehende gesundheitliche Ungleichheiten möglicherweise verschärfen. Diese sich andeutenden Trends bedürfen dringend des weiteren Monitorings und der Ergänzung um Analysen auf Individualebene. Die zugrundeliegenden Mechanismen müssen besser erforscht werden, um durch gezielte Maßnahmen eine Verschärfung gesundheitlicher Ungleichheit zu verhindern und gleichzeitig das Infektionsgeschehen durch den Schutz besonders gefährdeter Gruppen gezielt kontrollieren zu können.6
1 Mit Bezirken ist gemeint: Stimmbezirke der Kommunalwahl 2020. Eine Auswertung nach Postleitzahlen wie in Köln, vgl. Jan Wördenweben, 2020, Corona-Fälle nach Postleitzahlen, in: Express Köln. ist für Kerpen ein zu grober Maßstab.
2 Solche Seuchen-Karten gab es schließlich schon im 19. Jahrhundert, wie zur Cholera-Epidemie 1867 in Köln, siehe Anlage. Vgl. Felix Römer, 2021, Soziale Ungleichheit in der Pandemie. Warum Deutsche weniger darüber wissen als Briten, Geschichte der Gegenwart.
3 Vgl. etwa Clemens Tesch-Römer e.a., 2020, Alte Menschen sind unterschiedlich, auch in der Corona-Krise. DZA-Fact Sheet. Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin. Festgestellt wird u.a.: Alte Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsgrad sind besonderen Risiken ausgesetzt und die jeweilige Kommune hat hier besondere Fürsorgeaufgaben, um die gesundheitlichen Ungleichheiten auszugleichen.
4 Auch das gehört aus unserer Sicht mit zum zu forcierenden digitalen Wandel: Die Beseitigung systematischer historischer Blindstellen und statistischer Intransparenz hinsichtlich der Messung von Armut und Reichtum, weil Teil der Tradition der „sozialen Marktwirtschaft“ hierzulande, gerade auch auf der Ebene kreisabhängiger Kommunen.
5 Vgl. Felix Römer, 2021, Soziale Ungleichheit in der Pandemie. Warum Deutsche weniger darüber wissen als Briten, Geschichte der Gegenwart.
6 Robert-Koch-Institut Berlin, 2020, Sozioökonomische Ungleichheit im Infektionsrisiko mit SARS-CoV-2 – Erste Ergebnisse einer Analyse der Meldedaten für Deutschland, in Journal of HealthMonitoring 2020 5 (57), Ss. 19 – 31.
